Meine Antwort an Geza von Nemenyi:
Sehr geehrter Herr von Nemenyi,
ich bestätige den Eingang Ihres Schreibens vom 14.07.2003, welches allerdings
erst am 18.07. bei mir eingegangen ist. Durch familiäre Gründe, nämlich den
Geburtstag meiner Zwillinge an diesem Wochenende und dem damit verbundenen
zahlreichen Besuch von Verwandten komme ich leider erst jetzt dazu, Ihnen zu
antworten.
Gleich vorab möchte ich darauf hinweisen, dass ich Ihr Anschreiben
selbstverständlich Ihrem Wunsch entsprechend nicht veröffentlichen werde.
Zunächst einmal denke ich, dass Sie mich wohl nicht ganz richtig einschätzen.
Ihre Ausdrucksweise lässt durchblicken, dass Sie mich eher als „jugendlichen
heidnischen Rebell“ verstehen; ich kann Ihnen versichern, dass dieses nicht den
Tatsachen entspricht. Ausgehend davon, dass das Ihnen zugeschriebene Geburtsjahr
stimmt, welches ich vor einiger Zeit im Internet fand, sind wir tatsächlich nur
sehr wenige Jahre im Alter auseinander. Was ich damit ausdrücken möchte ist die
Tatsache, dass es sich bei der von mir ins Leben gerufenen Aktion nicht um ein
„unbedachtes Strohfeuer“ handelt, sondern im Gegenteil die in der
Gegen-Erklärung angeführten Punkte mir außerordentlich wichtig sind. Wie Sie in
Ihrem Brief so treffend formulierten: „Zum Glück leben wir in einem
demokratischen Rechtsstaat, ds muss man sich ja nicht jede Unverschämtheit
gefallen lassen“.
Ihren Vorwurf, ich hätte Ihren Text „aus dem Zusammenhang gerissen“, kann ich so
nicht akzeptieren. Es handelt sich hierbei nicht um ein paar Satz-Fragmente,
sondern um einen lückenlosen, in sich geschlossenen und auch abgeschlossenen
Text, der meiner Meinung nach auch in einem größerem Zusammenhang allerhöchstens
noch in gewissem Umfang relativiert, jedoch kaum kontrapunktiert werden kann.
Ihre übrigen Aktivitäten lassen ja ebenfalls darauf schließen, dass Sie die im
Text erhobenen Ansprüche vollständig vertreten.
Auf Ihre Ausführungen und zahlreichen Beispiele werde ich hier nicht eingehen,
da diese vollständig an den von mir kritisierten Punkten vorbeigehen. In Ihrer
gesamten Argumentation gehen Sie grundsätzlich davon aus, dass die von Ihnen
beanspruchte Funktion des „übergeordneten“ Allsherjagoden bereits existiert und
nur durch den höchsten qualifizierten Priester, also angeblich Sie, ausgeübt
werden kann oder darf.
Mein Standpunkt, sowie der derjenigen zahlreichen Personen, welche sich ja nicht
nur durch die Unterschriften-Aktion klar von Ihnen distanzieren, beruht auf ganz
anderen Voraussetzungen, die ich hier gerne noch einmal anführen möchte:
- Historisch kann die Position eines „obersten Priesters“ über die Ebene eines
Stammes bzw. Volkes hinaus nicht belegt werden, mit einer einzigen Ausnahme,
nämlich der Situation in Island. Wie Sie sicherlich wissen, stellt Island in
jedem Fall in ethnischer, geografischer und auch historischer Hinsicht eine
absolute Ausnahme dar, die zusätzlich auch noch fast in jeder Phase durch das
Christentum zumindest beeinflusst, teilweise auch geprägt wurde.
- Die unterschiedlichen Ausprägungen germanischer Lebensweise, Spiritualität und
Kultur, welche heute existieren und im Allgemeinen durch den Begriff „Asatrù“
beschrieben werden, entsprechen in Ihrer Vielfältigkeit den sehr
unterschiedlichen „Traditionen“, welche über einen Zeitraum von mindestens 1.500
Jahren und in einer räumlichen Ausdehnung, die fast den gesamten europäischen
Kontinent und erhebliche Teile des asiatischen umfasste, entstanden. Wie können
Sie daher EINEN traditionellen germanischen Weg als den einzig wahren definieren
? Auf welche „Überlieferung“ stützen Sie Ihre These ? Oder ist Ihre
„Überlieferung“ nicht doch nur IHRE Interpretation bestimmter Quellen ?
- Unbestritten meinerseits ist die Tatsache, dass Sie zu einem gewissen
Zeitpunkt von einer gewissen Anzahl von Leuten als spiritueller Führer bestimmt
wurden und diese Funktion noch heute ausüben, unter welchem Titel auch immer.
Das ist aber auch schon alles, und diesen Ihnen anscheinend sehr wichtigen Titel
dürfen Sie gerne behalten. Den Unterzeichnern meiner Aktion und allen anderen,
die sich jetzt zu Wort melden, geht es lediglich um den
„Alleinvertretungsanspruch“, der in Ihrem Text und in Ihren weiteren Aktionen
von Ihnen erhoben wird. Geht Ihr Bruder, der Sie ja juristisch berät, auch nach
der Devise vor „Wer zuerst oder am lautesten schreit, hat Recht“ ?
- Nehmen Sie Ihre Ansprüche zurück, ändern Sie Ihren Text insoweit, als dass
klar wird, dass Sie lediglich alle Heiden vertreten, welche von Ihnen vertreten
werden wollen, und es wird wieder Ruhe einkehren.
Selbstverständlich werde ich die Aktion nicht einstellen, aus einigen Passagen
Ihres Schreibens geht ja ohnehin hervor, dass Sie dieses gar nicht ernsthaft
annehmen. Dass Sie nicht über Zugang zu einem PC verfügen, erscheint mir doch
sehr zweifelhaft, immerhin tauchen immer wieder Stellungnahmen von Ihnen in
öffentlichen Foren auf, meistens mit wechselnden E-Mail-Adressen. Sie zitieren
einerseits aus meinen Seiten und bitten mich andererseits um ein ausgedrucktes
Exemplar der Erklärung, weil Ihnen dieses nicht zugänglich sei. Ich will Ihnen
den Gefallen dennoch gern tun; die endgültige Erklärung wird sich allerdings
nicht um einen Buchstaben von derjenigen unterscheiden, welche Menschen auf
meiner Web-Seite herunterladen können, um sie zu unterschreiben.
Was meine weitere Vorgehensweise angeht, so verweise ich Sie gerne auf die
aktuellen Statusberichte betreffend die Unterschriften-Aktion, welche unter
http://www.highmoe.de/gvn/aktuell.htm
von jedermann eingesehen werden können. Einige Ihrer Kollegen von der GGG, mit
welchen im Internet zu diskutieren ich bereits das Vergnügen hatte, verfügen
laut eigener Aussage über einen DSL-Flatrate-Zugang und werden Sie bestimmt
informieren können.
Ich denke auch nicht, dass die von mir initiierte Unterschriften-Aktion der
heidnischen Szene einen Schaden zufügen kann. Vielleicht denken Sie einmal
darüber nach, ob nicht eher Vorgehensweisen wie die von Ihnen praktizierte dazu
führen, dass in der nicht-heidnischen Öffentlichkeit das Bild der
„undemokratischen Heiden“ immer noch weit verbreitet ist. Ich möchte zum
Abschluss noch ein Zitat von Gustav Mahler anführen:
„Tradition bedeutet nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers“.
Mit freundlichem Gruss,
Haimo Grebenstein, einfacher germanisch orientierter Heide